{"id":98,"date":"2023-12-09T14:42:44","date_gmt":"2023-12-09T14:42:44","guid":{"rendered":"https:\/\/flensburg.fau.org\/?p=98"},"modified":"2023-12-10T15:00:01","modified_gmt":"2023-12-10T15:00:01","slug":"als-in-argentinien-viele-ohne-bosse-und-regierung-leben-wollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/flensburg.fau.org\/?p=98","title":{"rendered":"Als in Argentinien viele ohne Bosse und Regierung leben wollten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Erinnerung an den sozialen Aufbruch vor \u00fcber 20 Jahren<\/strong><br \/>\nAls Anarchokapitalist inszeniert sich der designierte argentinische Pr\u00e4sident Javier Milei. Doch in Wirklichkeit will er vor allem den Sozialstaat zur\u00fcckbauen. Leute wie er hassen am Staat alles, was die Profitinteressen des Kapitals schm\u00e4lern k\u00f6nnte. Dass sind Umweltgesetze genauso wie Sozialprogramme oder Ma\u00dfnahmen gegen Rassismus und Patriarchat. Das hat mit Anarchismus nichts, viel aber mit den Thesen der Ultrakapitalistin Ayn Rand zu tun. Daher hatte Milei auch im zweiten Wahlgang die Unterst\u00fctzung eines gro\u00dfen Teils der argentinischen Rechten und relevanter Fraktionen des Kapitals und des Gro\u00dfgrundbesitzes. Sie mussten vor \u00fcber 20 Jahren tats\u00e4chlich um ihre Macht zittern und so ist die Wahl von Milei auch eine Revanche der herrschenden Klasse.<!--more--><\/p>\n<p>Denn die Rechten erinnern sich besser, als viele Linke. Die haben gr\u00f6\u00dftenteils vergessen, dass Argentinien vor mehr als 20 Jahren f\u00fcr kurze Zeit auf der Agenda der au\u00dferparlamentarischen Bewegungen auftauchte. Denn damals schien in dem Land eine Gesellschaft zu entstehen, in der die armen Menschen, Lohnabh\u00e4ngige, Erwerbslose und Landarbeiter*innen selber \u00fcber ihr Leben im Stadtteil und in der Fabrik bestimmen. Es war ab 2001 die Zeit, als in Argentinien das Banken- und Finanzsystem zusammengebrochen war. Die Krise f\u00fchrte nicht nur zu Massendemonstrationen. Drei soziale Bewegungen pr\u00e4gten die Zeit nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in Argentinien im Dezember 2001: Die Arbeitslosenbewegung, die Stadtteilversammlungen (Assambleas) und die zeitweise \u00fcber 200 selbstverwalteten Fabriken. Menschen versammelten sich in den Stadtteilen, um \u00fcber die Angelegenheiten, die sie betraf gemeinsam zu entscheiden. Selbstorganisierte Erwerbslosengruppen, die Piqueteros, blockierten gro\u00dfe Stra\u00dfen, um f\u00fcr ihr Rechte zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong>Sin Patron \u2013 Arbeiten ohne Chef<\/strong><\/p>\n<p>Doch vor allem die besetzten und selbstverwalteten Fabriken in Argentinien fanden viel Interesse auch auf Veranstaltungen der FAU. \u00dcber die Kachelfabrik Zanon drehten Susanne Dzeik und Kirsten Wagenschein den Film \u201eMate, Ton und Produktion \u2013 Zanon eine Fabrik unter Arbeiterkontrolle\u201d<sup id=\"footnote_plugin_tooltip_1\" data-footnote-id=\"1\">[1]<\/sup>, der auch zeigte, wie im Rahmen dieser Besetzungen die Solidarit\u00e4t zwischen Arbeiter*innen und Bewohner*innen \u00e4rmerer Stadtteile gewachsen ist. 2015 schrieb Daniel Kulla in der Wochenzeitung Freitag: \u201eVor 14 Jahren haben Zan\u00f3n-Arbeiter die Fabrik besetzt, um sich gegen st\u00e4ndige Entlassungen, t\u00f6dliche Arbeitsbedingungen, Aussperrung und letztlich die Schlie\u00dfung ihres Betriebs zu wehren. Sie streikten den ber\u00fcchtigten Alteigent\u00fcmer Luis Zan\u00f3n in die Flucht und \u00fcbernahmen den Betrieb als Kooperative.\u201c Kulla schrieb die Einf\u00fchrung zu dem Buch \u201eSin Patr\u00f3n. Herrenlos. Arbeiten ohne Chefs. Instandbesetzte Betriebe in Belegschaftskontrolle. Das argentinische Modell: besetzen, Widerstand leisten\u201c, das 2015 im Verlag AG Spak herausgekommen ist. Doch das Interesse an den emanzipatorischen Aufbr\u00fcchen in Argentinien war bei der Linken in Deutschland schnell verflogen . Sie wandten sich neuen Landstrichen zu. Manchmal konnte man noch lesen, dass die Stadtteilversammlungen schrumpften und ein Teil der Erwerbslosenbewegung sich von der peronistischen Bewegung, Art argentinischer Sozialdemokratie, vereinnahmen lie\u00df.<\/p>\n<p>Und dann wird im November 2023 bekannt, dass in Argentinien, in dem 2001 die Ansage an alle Politiker*innen lautete: \u201eSie sollen verschwinden\u201c, ein Rechtspopulist die Wahlen gewonnen hat. Vielleicht ist diese Nachricht f\u00fcr Manche Anlass zu fragen, wie es mit Fabriken unter Arbeiter*innenkontrolle heute in Argentinien bestellt ist und welche emanzipatorischen sozialen Bewegungen es aktuell noch in dem Land gibt, die weiter an den Forderungen festhalten, f\u00fcr die in den Jahren 2001-2003 Hunderttausende auf die Stra\u00dfe gegangen sind. Da w\u00e4re auch interessant zu erfahren, wie sie dar\u00fcber diskutieren, dass auch manche, die damals auf die Stra\u00dfe gegangen sind, heute einen Milei gew\u00e4hlt haben.<\/p>\n<p>Peter Nowak (<a href=\"https:\/\/direkteaktion.org\/als-in-argentinien-viele-ohne-bosse-und-regierung-leben-wollten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">direkteaktion.org<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerung an den sozialen Aufbruch vor \u00fcber 20 Jahren Als Anarchokapitalist inszeniert sich der designierte argentinische Pr\u00e4sident Javier Milei. 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