{"id":305,"date":"2024-05-26T16:10:40","date_gmt":"2024-05-26T16:10:40","guid":{"rendered":"https:\/\/flensburg.fau.org\/?p=305"},"modified":"2024-05-26T16:16:01","modified_gmt":"2024-05-26T16:16:01","slug":"wie-eine-genossin-endlich-von-lieferando-bezahlt-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/flensburg.fau.org\/?p=305","title":{"rendered":"Wie ein*e Genoss*in endlich von Lieferando bezahlt wurde"},"content":{"rendered":"<p>[<a href=\"https:\/\/muenster.fau.org\/2024\/04\/29\/wie-eine-genossin-endlich-von-lieferando-bezahlt-wurde-how-a-comrade-finally-got-paid-by-lieferando-de-en\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">English version on the FAU M\u00fcnster website<\/a>]<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick scheint die <em>Riders United<\/em>-Bewegung vor einem halben Jahrzehnt wie das letzte Hurra im vereinten Kampf f\u00fcr die Rechte von Lieferfahrer*innen in West- und Nordeuropa. Auch wenn die Bewegung viel Schwung verloren hat und der sogenannte Plattformkapitalismus mittlerweile zu einem normalisierten Teil des allt\u00e4glichen Lebens geh\u00f6rt, so lassen sich die Risse im System dennoch nicht zusammenflicken. Missst\u00e4nde f\u00fchren kontinuierlich zu lokalen Arbeitskonflikten.<\/p>\n<p>Ein solcher Fall war der unser*er Genoss*in S. von der FAU M\u00fcnster, der*die in einem langen und vertrackten Konflikt mit Lieferando verwickelt war. Der aktuelle Kampf \u2013 nicht der erste mit diesem Arbeitgeber \u2013 lief vom Fr\u00fchjahr bis zum Sp\u00e4tsommer 2023. Ob es sich dabei um einen gezielten Angriff auf eine politisch organisierte Person handelte, die sich f\u00fcr die Rechte von Fahrer*innen einsetzte, oder um ein Beispiel f\u00fcr das absolute Versagen der Kommunikation in der Unternehmensstruktur von Lieferando, ist nicht vollkommen klar. Unabh\u00e4ngig davon meinen wir, dass die gelernten Lektionen hilfreiche Erkenntnisse f\u00fcr zuk\u00fcnftige K\u00e4mpfe bieten k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p>Seit Arbeitsbeginn bei Lieferando hat S. durchgehend Buch \u00fcber die Zusagen und Versprechungen des Arbeitsgebers gef\u00fchrt, indem S. Kommunikationsprotokolle anfertigte, sich mit anderen Fahrer*innen absprach und Arbeitsprobleme dokumentierte. Auf diese Weise konnte S. in den Monaten vor dem Konflikt den Arbeitgeber zu merklichen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen f\u00fcr Fahrer*innen dr\u00e4ngen, zum Beispiel durch die Bereitstellung von Arbeitstelefonen und die M\u00f6glichkeit ein Arbeitsfahrrad von Lieferando zu erhalten.<\/p>\n<p>Die Probleme begannen im M\u00e4rz 2023, als S. versuchte pers\u00f6nlich einen verpflichtenden Termin zur Fahrradkontrolle wahrzunehmen. Niemand von Lieferando oder den weiteren Unternehmen, an die solche Dinge ausgelagert wurden, war anwesend. S. versuchte das Unternehmen zu kontaktieren und eine Erkl\u00e4rung zu erhalten, stie\u00df jedoch auf Schweigen. Zwei Wochen sp\u00e4ter versuchte S. an einer Online-Sicherheitsschulung teilzunehmen und wartete etwa 30 Minuten. Auch hier erschien niemand. Am n\u00e4chsten Tag hatte S. einen Arbeitsunfall, der einen Krankenhausaufenthalt mit sich brachte und von dem S. einige Wochen genesen musste.<\/p>\n<p>Was folgte war ein Hin und Her bei dem Lieferando S. vorwarf nicht an der Sicherheitsschulung teilgenommen zu haben, die nach Lieferandos Angaben tats\u00e4chlich stattgefunden habe, gleichzeitig aber zugab, dass die Personalabteilung S. w\u00e4hrend des Zeitraums der Arbeitsunf\u00e4higkeit nicht h\u00e4tte kontaktieren d\u00fcrfen. Die Situation eskalierte im April, kurz nachdem S. genesen war: Lieferando sperrte S. f\u00fcr die Anfragen f\u00fcr Arbeitsschichten und erteilte eine Reihe von Abmahnungen bez\u00fcglich der fehlenden Teilnahme an der Sicherheitsschulung, dem Vers\u00e4umnis ordnungsgem\u00e4\u00dfe Dokumente einzureichen und einigen zweitrangigen Behauptungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte S. kein Einkommen und konnte nicht einmal die Krankenversicherung zahlen.<\/p>\n<p>Der gesamte Schriftwechsel zwischen S. und Lieferando ist verworren und chaotisch, weshalb wir ihn hier nicht weiter wiedergeben werden. Was wir allerdings betonen wollen, ist die Strategie, f\u00fcr die wir uns entscheiden haben. Wie bereits angemerkt, hat S. alles dokumentiert, von Videoaufnahmen, die zeigen, dass niemand beim der Fahrradkontrolle anwesend war bis hin zu Bildschirmaufzeichnungen und Screenshots, die belegen, dass die Online-Sicherheitsschulung nicht stattgefunden hatte. Wichtig war, von Anfang an die relevanten Metadaten zu dokumentieren, d.h. solche, die auf dem Ger\u00e4t (Handy, Laptop, Kamera) selbst gespeichert sind, zu sichern. Dazu geh\u00f6ren unter anderem das Datum, die Zeit und der Ort, wo die Aufnahmen und Screenshots gemacht wurden. Ohne diese Metadaten kann der Arbeitgeber oder das Gericht die Aufnahmen oder Screenshots als Beweismittel ablehnen oder begr\u00fcndeten Zweifel an ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit hegen. Tats\u00e4chlich versuchte Lieferando selbst die von uns zur Verf\u00fcgung gestellten Screenshots abzulehnen mit dem Argument, dass die URL-Links nicht deutlich erkennbar seien.<\/p>\n<p>S. bezog auch den Betriebsrat in den E-Mail-Verkehr mit Lieferando ein. Und auch wenn sich der Betriebsrat als \u00fcberraschend r\u00fcckgratlos herausstellte, so half es doch, gen\u00fcgend Zweifel an der Darstellung, die Lieferando von Anfang an kreiert hatte, aufkommen zu lassen. Wir fingen an Listen mit den widerspr\u00fcchlichen und schlicht falschen Informationen aus dem E-Mail-Verkehr zwischen der Personalabteilung, dem Betriebsrat und S. zu erstellen.<\/p>\n<p>Im Mai scheiterte ein zweiter Versuch, die Online-Sicherheitsschulung durchzuf\u00fchren. Wieder erschien niemand von Lieferando.<\/p>\n<p>Lieferandos Personal- und PR-Maschine besteht aus unz\u00e4hligen gesichtslosen Namen, die endlos E-Mails und Anfragen beantworten. Sie beschr\u00e4nkt sich meist darauf, Standardphrasen aus dem internen Regelwerk zu wiederholen, gelegentlich erreicht man einen frustrierten Manager, oder jemand Vorsichtigeren, der*die den Fall an eine andere Abteilung weiterleitet. Forderungen und Beschwerden werden von ihnen nicht angemessen gepr\u00fcft, stattdessen verstecken sie sich hinter der br\u00fcchigen Autorit\u00e4t des \u201eIch mache die Regeln nicht\u201c-Mantras. Also haben wir beschlossen, sie auf eben jene Regeln festzunageln.<\/p>\n<p>Anstatt einen gewerkschaftlichen Brief zu schreiben, der alle von S. gesammelten Beweise hieb- und stichfest enthielt, lockten wir sie zun\u00e4chst mit einem scheinbar schw\u00e4cheren Brief \u2013 die Screenshots im Anhang, die bewiesen, dass S. um 13:12 in der Online-Sitzung und ansonsten niemand dort war. Anderweitige Beweise erw\u00e4hnten wir nicht.<\/p>\n<p>Lieferando antwortete mit einem Tonfall falscher Beschwichtigung und bot an eine der von ihnen ausgesprochenen Abmahnungen fallen zu lassen, beharrten jedoch darauf, S. kein Geld f\u00fcr den Zeitraum zu schulden, in dem S. f\u00fcr Arbeitsschichten gesperrt war. Lieferandos gesamtes Argument basierte auf der Behauptung, dass die Online-Sitzung selbst, laut ihrer Dokumentation, tats\u00e4chlich zwischen 12:00 und 13:00 stattgefunden habe und dass die Screenshots lediglich zeigten, dass S. um 13:12 bei der Online-Sitzung anwesend gewesen w\u00e4re. Daher sei es nicht mehr m\u00f6glich gewesen, S. zu diesem Zeitpunkt zur Sitzung zuzulassen, da diese bereits abgeschlossen w\u00e4re.<\/p>\n<p>An diesen Punkt gab es f\u00fcr sie kein Zur\u00fcck mehr. Also setzten wir mit einem weiteren Brief und einer E-Mail nach. Wir wiesen nach, dass die von ihnen erw\u00e4hnten Zeiten nachweislich falsch waren und dass S. tats\u00e4chlich zur richtigen Zeit online anwesend war. Wir hatten noch die Screenshots von der Anmeldung zu dieser Schulung und damit den notwendigen Beweis, der belegte, dass Lieferando im Unrecht war. Au\u00dferdem machten wir deutlich, dass dies unsere letzte E-Mail gewesen war und wir als n\u00e4chstes rechtliche Schritte einleiten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Da ihre Version der Ereignisse nicht l\u00e4nger haltbar war, knickte Lieferando ein und erkl\u00e4rte sich bereit, S. r\u00fcckwirkend f\u00fcr die drei Monate zu bezahlen, in denen S. f\u00fcr Arbeitsschichten gesperrt war, und zudem die Abmahnungen zur\u00fcckzunehmen.<\/p>\n<p>Auch wenn die Riders United-Bewegung gestorben ist, die Lektionen, die sie uns gelehrt hat, k\u00f6nnen nach wie vor auf neuere Kampf- und Organisierungsmethoden ausgeweitet werden. Wir neigen dazu, Konzerne als kalt und r\u00fccksichtslos zu betrachten, doch l\u00e4sst sich hinter ihrer gesichtslosen Natur eine chaotische Organisationsstruktur ausmachen, deren internen Widerspr\u00fcche in ein Werkzeug f\u00fcr den Arbeitskampf transformiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/muenster.fau.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">FAU M\u00fcnster<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[English version on the FAU M\u00fcnster website] Im R\u00fcckblick scheint die Riders United-Bewegung vor einem halben Jahrzehnt wie das letzte<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-305","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=305"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/305\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":311,"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/305\/revisions\/311"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/flensburg.fau.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}