{"id":191,"date":"2024-01-08T12:33:59","date_gmt":"2024-01-08T12:33:59","guid":{"rendered":"https:\/\/flensburg.fau.org\/?p=191"},"modified":"2024-01-08T12:33:59","modified_gmt":"2024-01-08T12:33:59","slug":"pierburg-streik-noch-immer-aktuell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/flensburg.fau.org\/?p=191","title":{"rendered":"Pierburg-Streik \u2013 noch immer aktuell"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am 21. Dezember 2023 fand im Roten Salon der Berliner Volksb\u00fchne in der Reihe Vergessene Arbeitsk\u00e4mpfe ein Punkabend zum Pierburg-Streik vor 50 Jahren statt.<\/strong><\/p>\n<p>Sommer 1973, Firma Pierburg, Neuss am Rhein\u201c. So beginnt der Film \u201ePierburg \u2013 ihr Kampf ist unser Kampf\u201c. Er dokumentiert einen Arbeitskampf, der vor 50 Jahren Geschichte geschrieben hat. \u00dcber 2000 Frauen haben damals f\u00fcr gleichen Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit gestreikt. Ein Gro\u00dfteil waren migrantische Frauen, \u201eDer Kampf von Pierburg und andere K\u00e4mpfe sind erste Schritte f\u00fcr den Kampf zum Sozialismus\u201c, erkl\u00e4rte damals die Stimme aus dem Off im Film etwas gro\u00dfsprecherisch. Was der Film aber zeigte, der Arbeitskampf f\u00fchrte zur Selbsterm\u00e4chtigung der Arbeiterinnen. Er zeigt, wie die Frauen gemeinsam lachen, tanzen, aber auch auf Demonstrationen f\u00fcr ihre Rechte eintreten. \u201eEine Mark mehr\u201c lautete die einfache Parole, die f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten eine gro\u00dfe Bedeutung hatte. Es ging konkret um eine Mark mehr Lohn pro Stunde, aber es ging auch um die Weigerung der Frauen, weiterhin zu akzeptieren, f\u00fcr die gleiche Arbeit weniger Lohn als die M\u00e4nner zu bekommen. Im Film sind Tafeln eingeblendet, auf denen \u00fcber die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter der Werksch\u00fctzer informiert wird, die f\u00fcr Ruhe und Ordnung im Betrieb sorgen sollen. Wir sehen auch in mehreren Szenen, wie die Polizei gegen die streikenden Frauen vorgeht, sie in Polizeiautos zerrt. In einer Szene bedroht der Polizeichef von Neuss die Streikenden mit einer Pistole. Der Chef von Pierburg verteidigt die Repression, denn f\u00fcr ihn ist wilder Streik Revolution. Diese Position ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass er schon im Nationalsozialismus als Betriebsf\u00fchrer ausgezeichnet wurde.<\/p>\n<p><!--more-->Doch die staatliche Repression f\u00fchrt auch zur Solidarisierung von Kolleg*innen aus anderen Betrieben. Da konnte auch das NS-geschulte Management mit ihrer Spaltungslinie nichts mehr ausrichten. Der Personalchef von Pierburg warnt vor \u201eausw\u00e4rtigen Krawallmachern\u201c. Die Gewerkschaftsvertreter (nur M\u00e4nner) des DGB hingegen weisen die Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck und versichern, dass die Streikenden im Einvernehmen mit den Gewerkschaften handeln. Doch bald zeigte sich, was diese Worte wenig Wert sind. Da erkl\u00e4rte der gleiche Gewerkschaftsfunktion\u00e4r wenig sp\u00e4ter , dass die streikenden Frauen das Werk verlassen und die einvernehmlichen Verhandlungen zwischen DGB und Vertretern des Unternehmens nicht st\u00f6ren sollen. Hier wird der Riss deutlich zwischen einem sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftsfunktion\u00e4r, der gleich am Beginn seiner Rede betont, wie einig er sich mit der Betriebsleitung ist und den k\u00e4mpferischen Frauen in den R\u00fccken f\u00e4llt. Doch die lassen sich davon nicht einsch\u00fcchtern und hatten Erfolg. Die Lohngruppe 2, die den Niedriglohn f\u00fcr Frauen vorsah, wurde bei Pierburg abgeschafft. Die Stundenl\u00f6hne wurden um 65 Pfennig angehoben. Ein Gro\u00dfteil der ausgesperrten Arbeiter*innen mussten wieder eingestellt und vier von f\u00fcnf Streiktagen bezahlt werden.<\/p>\n<p>Nach Ende des Streiks begann der Rachefeldzug des Pierburg-Managements gegen die Belegschaft. So sollte ein Teil der Produktion an einen anderen Standort verlagert werden, was zu Entlassungen bei der k\u00e4mpferischen Belegschaft gef\u00fchrt h\u00e4tte. Das f\u00fchrte auch au\u00dferhalb des Betriebs zu einer gro\u00dfen Emp\u00f6rung und Pierburg musste die Pl\u00e4ne fallenlassen. Daf\u00fcr werden seit Jahren aktive Betriebsr\u00e4te politisch diffamiert und gek\u00fcndigt. Auch hier musste das Pierburg-Management vor dem Arbeitsgericht eine Niederlage einstellen. Alle K\u00fcndigungsklagen wurden dort zur\u00fcckgewiesen. Die Betriebsr\u00e4te konnten so weiter mit ihren Kolleg*innen k\u00e4mpfen \u201eDie Belegschaft zu disziplinieren ist nicht gelungen\u201c, hei\u00dft es in dem Film. Ein DGB-Justitiar erkl\u00e4rte, die Besonderheit des Verfahrens lag darin, dass erstmals Betriebsr\u00e4te f\u00fcr einen spontanen Streik im Betrieb abgestraft werden sollten.<\/p>\n<p><strong>Spuren eines NS-Kommentators im deutschen Arbeitsrecht<\/strong><\/p>\n<p>Hier wird auch schon deutlich, warum es wichtig ist, 50 Jahre sp\u00e4ter an den Pierburg-Streik zu erinnern. Noch immer ist der sogenannte wilde Streik, also der Arbeitskampf, der nicht von einer tariff\u00e4higen Gewerkschaft getragen wird, in Deutschland verboten. Das mussten in den letzten Monaten und Jahren die Besch\u00e4ftigten von Lieferkurierfirmen erfahren, die seit 2021 gegen ihre schlechten Arbeitsbedingungen gestreikt haben. Auch sie waren mit dem Erbe von Karl Heinz Nipperdey konfrontiert. Der ehemalige Kommentator des NS-Gesetzes zur Nationalen Arbeit hat 1952 w\u00e4hrend eines Arbeitskampfes ein Gutachten erstellt, das bis heute das Streikrecht in Deutschland ma\u00dfgeblich beeinflusst. Dazu geh\u00f6rt das Verbot des politischen und des verbandsfreien Streiks, also eines Arbeitskampfes ohne gewerkschaftliche Beteiligung. Jetzt sind also auch die Rider*innen, wie sich die Besch\u00e4ftigen der Lieferdienste nennen, mit den Erbe eines NS-Arbeitsrechtlers konfrontiert. In ihrem Kampf schauen sie auch auf die K\u00e4mpfe bei Pierburg, Heinze und vielen anderen Betrieben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/direkteaktion.org\/pierburg-streik-noch-immer-aktuell\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mehr lesen (direkteaktion.org)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. 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